Von Untoten und kulturellen Nährdefiziten

Wer viel im Netz unterwegs ist, dem wird nicht entgangen sein, dass es schon lange eine wachsende Unzufriedenheit bezüglich der Qualität kultureller Erzeugnisse wie Spiele, Filme, Musik etc. gibt. In vielen Foren und Kommentarspalten tauschen sich die Leute weniger über die Freuden aus, die ihnen ihr Hobby beschert, sondern bemängeln häufig nur noch Unzulänglichkeiten oder führen einen verbalen Krieg darüber, welches Produkt überhaupt noch wertschätzungsfähig sei.

Zu meiner Schande stehe ich selbst hierbei viel zu Häufig auf Seiten der Kritiker, obwohl ich meine Hobbys selbst lieber hochleben lassen würde, statt mich mal wieder darüber auskotzen zu müssen. Leider sorgt die stetig schwindende Wertigkeit der Objekte meines inspirativen Begehrens immer mal wieder für Unmut, die ich dann in ein Korsett aus Buchstaben zu pressen versuche, das der Qualität besagter Medien angemessen scheint. Leider kommen darin häufiger verwunschene Ausdrücke vor, denen offenbar ein beschwörerisches Potenzial innewohnt, denn ich öffne dabei manchmal unbeabsichtigt die Tore der Geschmacks-Hölle. Dort treffe ich dann auf die Schergen der Disharmonie und muss dann gegen die Armeen der ästhetischen Finsternis im Diskurs-Limbo antreten. Dadurch steigen die Konsumzombies aus ihren Gräbern auf der Suche nach Dissonanz. Diese sind gefährlich, denn normale Bannsprüche, wie etwa sachliche Argumentation oder Objektivität können ihre Ignoranz nicht töten und sie winden sich bei konstruktiver Kritik wie der Vampir im Sonnenlicht. Wenn man Pech hat, explodieren sie mit viel Krawall und übertönen dabei ganze Foren und Netzwerke mit einem Sturm der Borniertheit. Die Gefahr einer Ansteckung ist sehr hoch, weil es sich um ein Fanboy-Virus handelt, das hochgradig ansteckend ist. Derlei Infizierte erstarren in ihrem Mikrokosmos und sind fortan geistig völlig unbeweglich. In diesem Zustand würden sie auch an die Homöopathie glauben, oder an den Weihnachtsmann. Oder eben an die „Qualitätsprodukte“ der Kulturindustrie.

Ich fürchte, diese KulturIndustrie hat sich durch kontinuierliche Niveauabsenkung eine riesige Schar von Jubelpersern herangezüchtet. Menschen, die in der Lage sind, selbst im Vakuum monumentale Qualitäten zu entdecken. Menschen, die in jeder Scheiße verborgenes Gold sehen können und deren Glas immer zu mindestens 85 Prozent gefüllt ist, selbst wenn es offensichtlich beinahe leer ist. Da die Konsumzombies ihre Hirnmasse mit dunkler Unterhaltungsmaterie völlig zugekleistert haben, glaube ich, dass das so entstandene Ungleichgewicht in ihrem Geschmacksuniversum nur gehalten werden kann, indem ihnen kontinuierlich weiter negative Energie in Form schlechter Unterhaltung zugeführt wird und deshalb müssen sie jeden Kritiker immer bekämpfen. Sie laufen ja sonst Gefahr, ihren schlechten Geschmack zu verlieren. Schließlich ist schlechter Geschmack besser, als gar nichts. Denn „gar nichts“ lässt sich nicht gut gegen Kritiker verteidigen und das Dasein als geistiger Untoter wäre noch einsamer und leerer, als es ohnehin bereits ist.

Als Teil des kritischen Kommentariats wird man von den Fanboy-Infizierten des Öfteren mit der Behauptung konfrontiert, medial überfressen und als Resultat auf diese informative Mästung kulturell wundgescheuert zu sein. Gerne wird auch das Alter des Kritikers, sollte er dieses zur Unterstützung seiner Argumentation (Lebenserfahrung und so) angedeutet haben, als qualitätsmindernder Faktor ins Spiel gebracht, schließlich stumpfe man mit voranschreitendem Alter ja kulturell stetig ab und überhaupt lasse zu später Stunde ja schließlich vieles nach, also auch die Synapsen. Hat man als älterer Mensch also den Zenit seiner Kritikfähigkeit altersbedingt überschritten und ist deshalb nicht mehr in der Lage, der Kunst ein offenes Gefäß zu sein, weil die eigene musische Schwammhaftigkeit durch abnutzungsbedingte synaptische Porosität leider an Saugfähigkeit eingebüßt hat? Oder ist man nicht vielmehr von hoffnungslos willenlosen Schund-Apologeten umringt, die mit allen Mitteln versuchen, jeden berechtigten Einwand gegen alle geistlose, aber gehypte im Übermaß beworbene Fließbandware mit dem Anschein von Alterssenilität zu entkräften?

Ich selbst bin ja, wie die meisten in unserer Gesellschaft, mit Medien aufgewachsen, habe immer viel gelesen, eine Menge Filme und Serien geschaut, haufenweise Spiele gezockt und behaupte trotzdem von mir, noch immer voll begeisterungsfähig zu sein, solange die Qualität stimmt. Wenn Qualität als solche also noch eindeutig wahrgenommen werden kann, muss im Umkehrschluss das beanstandete Material eben minderwertige Ware sein. Es ist also mitnichten so, dass ich bereits zu viel gesehen hätte, dadurch übersättigt wäre und dementsprechend Kultur-pessimistische Tendenzen entwickeln würde. Es ist vielmehr so, dass man mir nicht mehr alles zeigen will. Es gibt so vieles, was ich gerne noch sehen oder erleben würde, doch der Zeitgeist lässt es nicht zu, dass ich das bekomme, weil sich die Nische marktwirtschaftlich nicht rentiert. Ich behaupte deshalb, dass die allgemeine Unzufriedenheit mit den Kulturprodukten ein Symptom der kulturverödenden äußeren Umstände ist. Die schiere Masse an konsumierbarer Redundanz deutet zwar auf eine Übersättigung des Schönheitssinns hin, verschleiert aber, dass trotz des Überflusses an produzierter und konsumierter Unterhaltung der geistige Nährwert nicht stimmt, egal wieviel man davon verschlingt.

Was den Anschein einer ästhetischen Verstopfung macht, ist in Wahrheit kultureller Skorbut.

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