Halloween – Oder: Karneval für Verstrahlte

Eine POLEMIK!

In ‘Schland wird bald wieder der Clown gefrühstückt. Nicht irgendeiner, sondern so ein kostümierter mit Kürbisgeschmack. Hier hat man nämlich besonders an diesen amerikanischen Clowns einen Narren gefressen. Denn die sind nicht nur schön fett und voller Geschmacksverstärker, sondern haben angeblich diesen zuckersüßen Geschmack der unbegrenzten Freiheit – Omnomnom!

In Kürze ist es jedenfalls soweit. Dann ist wieder Halloween.

Aber was ist dieses Halloween eigentlich? Das Ganze kommt ursprünglich aus Irland und wurde dort unter dem Namen „All Hallows’ Eve“ vor Jahrhunderten von den Heiden zelebriert. Eine keltische Tradition, ursprünglich (vor mehr als 2000 Jahren) auch „Samhain“ genannt, nach der sich der Sonnengott und der Totengott zum Saisonwechsel über den Erntegaben die Flossen reichten während die Geister der Toten sich anschickten, der buckligen Verwandtschaft nochmal guten Tag sagen zu wollen. Jetzt kommen irgendwie die Kürbisse ins Spiel, wahrscheinlich weil diese eklige Pampe sogar Tote in ihrem Sarg festhalten kann, …oder weil die darin angezündeten Lichter den Geistern der Toten den Weg zurück in ihre Gräber weisen konnten. Ich tippe ja auf ersteres.

Irgendwann verließen besagte Heiden Irland, doch anstatt „All Hallows’ Eve“ mitsamt den verdammten Kürbissen an die Schafe zu verfüttern, nahmen sie es mit über das Meer und brachten es den Amerikanern. Diese wiederum assimilierten es, hoben es wie folkloristischen Eischnee mit Kürbisaroma unter ihre Traditionen und nannten es fortan Halloween.

Dieses Fest wirkt heute wie ein lauter, polternder Bastard aus dem Sankt-Martins-Umzug und dem Erntedankfest, vereint unter einem karnevalistischen Banner. Mit dem Stigma der Narren, aber ohne die politische Note. Das Fundament bildet ein Konglomerat aus Aberglauben, Unwissenheit und mittelalterlichem Glaubensbezug. Drüben in der Heimat der Tapferen ist das beinahe so etwas wie ein Nationalfeiertag.

Doch in ‘Schland feiert man das mittlerweile auch. Warum das so ist? Weil man in ‘Schland begierig aufgesaugt, was mindestens auf Anglizismen dahergeritten kommt, auch wenn es sich dabei nur die galoppierende Dummheit im bunten Grusel-Kostüm nebst geschmackloser Melonenfrucht handelt. Ist ja schließlich aus Amerika. Neue Welt und so. Ist halt cool da. Da ist nämlich immer alles ganz toll – außer natürlich, wenn es grad voll Scheiße ist – aber selbst dann ist es noch die coolere Scheiße (crazy shit, you know?). Es ist halt „Awesome“ und so. Warum? Schwer zu sagen. Vielleicht wegen des „American Dream“. Den träumt man hier ja gerne mit. Auch dann, wenn er sich für der Rest der Welt tatsächlich  Alptraum herausstellt. Aber so sind Träumereien halt – nichts für ausgeschlafene!

Halloween ist hier jedenfalls hip. Wer das anders sieht, ist halt unmodern und rückständig oder eine übellaunige Spaßbremse, die anderen ihre hedonistischen Freiräume nicht gönnt. Oder Anti-Amerikanisch. Ein Feind der Freiheit. Oder einfach nur blöd. Außerdem ist es ja gewissermaßen ein Re-Import.

Und deshalb ist es auch egal, ob Halloween für uns Sinn macht oder nicht. Wir feiern es, weil wir es können.

Es ist ebenso egal, ob es in unserer eigenen Geschichte bereits ähnliche Bräuche und zu uns passendere Konzepte gibt.

Es ist erst recht egal, ob wir nur planlos andere Kulturen nachäffen, sie zusammenhangslos und ohne Kontext in unsere Partykultur eingliedern und wie Häppchen mit Käse servieren. Cola dazu und runter damit! Passt schon.

In ‘Schland wird das eben neuerdings gefeiert und damit Basta! Hurra! Spaßgesellschaft! Das Recht des Hedonisten, die Feste zu feiern, wie und wo sie fallen. Und deshalb feiern wir bei uns eben Halloween.

Als Fremdkörper, den wir einfach übernommen und in unser Brauchtum hineingezwängt haben, ohne dass dieser irgendeinen tieferen Sinn für uns hätte, ist Halloween deshalb für viele eine Angelegenheit von niederer Bedeutung, deren Zweck sich nicht jedem zwingend offenbaren muss. Eine Modeerscheinung, die sich leider festgetreten hat. Eine gesellschaftliche Marotte, die man sich nicht mehr abgewöhnen will. Ein kolportierter Konventions-Herpes, den man sich beim Austausch ritueller Absonderlichkeiten zugezogen hat. Sinnlose Gepflogenheiten sind ja schon schlimm genug, aber diese ist auch noch importiert – als klebte nicht schon genug traditionelle Scheiße am eigenen Schuh. Überlieferungen gibt es zwar bei uns auch, aber diese sind dann immerhin auf unserem Mist gewachsen. Das nennt man gemeinhin auch Kultur oder übersetzt: „Die eigene Scheiße stinkt halt weniger.“ Nicht, dass unsere Bräuche besser wären. Bräuche sind die Altlasten, die Volksgemeinschaften über Generationen mit sich rumschleppen, weil sie sich nur schwer wieder ablegen lassen. Sie sind wie kulturelle Tropenkrankheiten, die Fieberschub-artig immer wieder ausbrechen, genauso tief in der Gesellschaft verwurzelt, wie ein Weisheitszahn im Unterkiefer, so infektiös wie eine Grippe, so verbreitet, wie dereinst die Pest und zudem so hartnäckig wie Fußpilz. Ein vererbbarer Furunkel am Arsche der Zivilisation. Sowas lacht man sich doch nicht freiwillig an.

Als wären wir mit Karneval & Co nicht ohnehin bereits genug gestraft, müssen wir uns natürlich unbedingt noch die amerikanische XXL-Variante dieser Traditions-Malaria zulegen.

Das einzige, was sich Amerikaner und Deutsche in Bezug auf diese Unsitte teilen, ist der Kommerz, den dieses Fest generiert. Das Ganze ist schlicht ein reiner Anlass zur Monetarisierung eines abergläubischen Rituals, das als jährlicher „Event“ ausgeschlachtet wird. Ein weiterer Schrein für den Konsum in Gestalt einer Massen-Veranstaltung. Warum also sollte man diesem Phänomen nicht mit Skepsis zu begegnen? Halloween verbreitet sich doch geradezu erschreckend (Gruß aus Kalau) schnell. Zunächst war das nur eine kleine Unsitte, die irgendwann in den frühen 90ern mal aufkeimte. Es schien harmlos zu sein. Ursprünglich reichte das gerade so für vereinzelte „Motto-Partys mit Kostümierungspflicht“. Also Partys für solche Leute, die sich nur dann gegenseitig ertragen können, wenn sie ihr Antlitz so gut es geht unkenntlich gemacht haben. Partys, auf die keiner ging, abgesehen von Leuten, die heute Ed Hardy Shirts tragen und vielleicht nicht einmal die. Mit anderen Worten, man wurde davon kaum behelligt und es fand bestenfalls am Rande der Wahrnehmung statt.

Leider wächst und wuchert dieses Party-Karzinom seitdem unaufhörlich weiter. Mit den Jahren ist dieses Horror-Furunkel immer fetter geworden, hat überall Metastasen gebildet und jetzt geht das Ding nicht mehr weg. Ist sozusagen chronisch geworden. Wie ein nässender Juckreiz, den man nie behandelt hat. Das ist Halloween. Fies. Wer will sowas? Und warum? Man könnte sich jetzt natürlich denken:

„Was ist daran jetzt so schlimm, es ist nur ein weiterer Anlass zum Feiern, also was soll‘s?“

„Es kann mir ja schließlich egal sein, was andere für Feste feiern, solange ich nicht daran teilhaben muss.“

„Ist ja deren Bier und ich trinke ohnehin lieber Kakao.“

Ja, das könnte man denken. Und tatsächlich mache ich das sogar. Also, das mit dem Kakao. Und während ich den trinke, denke ich dann darüber nach, wie sehr mir Halloween am Arsch vorbei geht.

Schade ist es nur für die Kinder, die zu Halloween in Kostümen auf die Straße geschickt werden. Die können schließlich am wenigsten dafür, dass man in ‘Schland jedem dämlichen Trend hinterherlaufen muss. Sie trifft keine Schuld, wenn der Eine oder Andere an diesem Tag nichts Süßes bereithält, die Klingel ignoriert und stattdessen leicht mürrisch aus dem Fenster heraus schaut. Wie soll man den Kleinen denn auch erklären, warum man ihnen anlässlich dieses „besonderen“ Tages nur Saures geben könnte?

Die können ja froh sein, wenn ich stattdessen einfach nur nicht aufmache.

 

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Halloween – Oder: Karneval für Verstrahlte

  1. Leider ist auch die Unsitte mit herüber geschwappt, „Verweigerern“, also solchen, die es wagen, die Tür nicht zu öffnen, rohe Eier an die Hauswand zu werfen. Das soll dann wohl auch ein cooler Scherz sein….
    Schöne Grüße und wieder mal mein Kompliment für Deine Art Wörter aneinander zu reihen. Ich mag’s 🙂

    Silvia Meerbothe

    Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.