Das Ende der Diskussion

Interaktiver Diskurs, also Leser-Kommentare und private Meinungen zu den Publikationen offizieller Medien, sind das, woraus journalistische Texte im Netz überhaupt erst einen besonderen Wert beziehen. Eine große Diversität in den Kommentaren und entsprechend unterschiedliche Denkanstöße aus verschiedenen Perspektiven ermöglichen ein deutlich vielschichtigeres und deshalb genaueres Bild von der Wirklichkeit, als es die einseitigen Ansichten einer Person oder Redaktion tun. Je vielfältiger die Meinungen und je unterschiedlicher die Sichtweisen sind, desto ausgeglichener kann der Informationsgehalt, ergo desto realitätsnäher auch die Quintessenz sein, die der Leser daraus ziehen kann.

Mehr noch, ohne dieses Feedback sind die Texte der meisten Schreibsklaven, die man uns so oft als „Qualitätsjournalisten“ verkauften will, doch nur die üblichen, konsensgerechten Predigten aus gefälliger Mainstreampropaganda, derentwegen Menschen wie ich schon seit Jahren keine Offline-Publikationen mehr nutzen. Die meisten qualitäts-journalistischen Erzeugnisse sind für mich ohne die Kommentare nicht viel wert, denn die Artikel sind eigentlich nur der Anreger für die weit wichtigeren Diskussionen darunter. Bis auf wenige Ausnahmen würden sie mich ansonsten einen Scheiß interessieren.

Wer sich als einzig gültiger Verkünder der offiziellen Wahrheit sieht, der fürchtet sich wohlmöglich vor zu viel Meinungsvielfalt und mag darauf bedacht sein, diese nach Möglichkeit zu bekämpfen. Die Bestrebungen der, sich selbst gerne als „Leitmedien“ präsentierenden „Vierten Gewalt“, die Kommentarkultur zu beschneiden oder abschaffen zu wollen, legen das zumindest nahe.

Schon länger findet eine Zensur in Form von sogenannter „Moderation“ statt. Nahezu alle Online-Publikationen der großen Nachrichtenmagazine verfahren mittlerweile so. Welt, Spiegel, Focus, Süddeutsche und noch etliche mehr lassen  Kommentare nur noch im begrenzten Umfang zu. Zum Teil sicher, weil die Kommentatoren manchmal die Grenzen der Höflichkeit weit überschreiten, aber leider auch immer häufiger, weil eine Meinung als unpopulär oder „Politisch unkorrekt“ eingestuft wird oder wenn Links zu Quellen herangezogen werden, die nach Meinung der Redaktion das falsche Weltbild repräsentieren.

Konstruktive Kritiken sind besonders für einseitig vereinnahmte und parteilich geschriebene Artikel schädlich, also werden diese mit willkürlichen Mitteln bekämpft. Da werden sachlich vorgetragene, den postulierten Thesen aber widersprechende Meinungen mit fadenscheinigen Begründungen entfernt, während polemische, teilweise beleidigende, der Meinung der Publikatoren jedoch entsprechende Äußerungen unangetastet bleiben. Unliebsame Äußerungen werden langsam ausgemerzt, indem man ein Klima schafft, das Konsens über Meinungsäußerung stellt und diejenigen mit Ausgrenzung, Missachtung und Verbannung bestraft, die es wagen, mit ihrer Stimme aus dem Kanon ausbrechen.

Solche Methoden kennt man zwar bereits von den Seiten der Ideologen und Extremisten, für die „offiziellen“, sprich legitimierten „Meinungsmacher“ unseres Landes bedeuten diese Methoden allerdings eine neue Qualität in Sachen Indoktrination. Doch weil selbst das den selbsterklärten Hütern der Meinungshoheit nicht auszureichen scheint, geht man jetzt auch dazu über, die Kommentarspalten komplett zu schließen, nicht ohne sich vorher noch auf herablassende Art und Weise (Schleppscheiße) über die Menschen geäußert zu haben, die ihre Meinung (im Netz und anderswo) mittels Kommentar vertreten.

Jetzt verteidigen sie diese „Maßnahmen“ natürlich damit, dass man so angeblich die geschmacklosen Auswüchse einer vermeintlich bösen, streitsüchtigen Netzgemeinde bekämpfen wolle, die sich ohnehin nur aus Wutbürgern, Trollen und asozialen Schreihälsen aus bildungsfernen Milieus rekrutiere. Man sollte sich jedoch keinesfalls darüber hinwegtäuschen lassen, dass hier tatsächlich nur die nächste Stufe der Gleichschaltung erklommen wird, indem man mit unaufrichtiger Argumentation die Meinungsfreiheit, sozusagen „unter falscher Flagge“, torpediert. Und so schneidet sich die ohnehin angeschlagene „freie Presse“ unseres Landes selbst so sehr ins eigene Fleisch, dass die Knochen zum Vorschein kommen, was viel tiefer blicken lässt, als ihr lieb sein könnte.

Nicht, dass mich das ganze persönlich allzu sehr jucken würde. Ich kenne genug Alternativen zu den etablierten Quellen und dort darf jeder seine sachlich vorgetragene Meinung frei äußern. Ich brauche die Qualitätspresse mit dem Paradoxon im Titel nicht. Mir tut es nur Leid, dass den Menschen, die immer noch glauben, dass die Hofberichterstattung ihnen die Welt erklärt, jetzt ein weiterer Zugang zur Wahrheit dahinter verwehrt wird.

 

ERGÄNZUNG

Der Emannzer beobachtet Das letzte Gefecht der Medien ebenfalls mit kritischem Blick.

Die Nachdenkseiten (leider selbst ohne Kommentarmöglichkeiten) stellen fest, dass Einspruch unerwünscht ist und machen das am Umgang der Medien mit der Krise in Russland fest.

 

 

 

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2 Gedanken zu “Das Ende der Diskussion

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