Nackte Tatsachen

Kürzlich haben Hacker im großen Stil die privaten i-cloud-Accounts vieler Prominenter gehackt, eine ganze Menge sehr private Bilder und Videos gestohlen und diese ins Netz gestellt. Das Ganze hat unter dem Namen „The Fappening“ die Gemüter (und nicht nur die) erregt und eine Welle negativer Energie aus Vulgarismus und Obszönität erzeugt, die dann wiederum zu Debatten über das Recht auf Privatheit auf der einen und die Schamlosigkeit der Menschen, die sich an derlei Bildmaterial ergötzen auf der anderen Seite führte.

Ich nahm dieses Thema zum Anlass, mir ein paar Gedanken zu unserer Gesellschaft in Hinsicht auf die Unausweichlichkeit nackter Tatsachen zu machen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die Körperlichkeit und Oberflächlichkeit statt innerer Werte präferiert, die Nacktheit und Sexualität als strategisches Werbe-Mittel einsetzt und aus kommerziellem Kalkül missbraucht. In einer Gesellschaft, der jeden Tag rund um die Uhr Vulgarismus und Nacktheit aufgezwungen wird und das in nahezu sämtlichen Medien. Die Sexualität (vor allem die weibliche, aber nicht ausschließlich) als gewinnmaximierendes Element ist dabei so allgegenwärtig, dass man sie bereits als obligatorisch wahrnimmt.

Eine Omnipräsenz an Freizügigkeit und nackter Haut verfolgt einen nahezu auf Schritt und Tritt. Die mediale Welt besteht gefühlt ohnehin aus überwiegend nackter Weiblichkeit, gewürzt mit einer Prise stahlharten, männlichen Muskelberg und unser Alltag gleicht sich dieser Perversion langsam an. Was in der Werbung wie ein begehrliches Versprechen klingt (was es ohnehin nur scheinbar tut), wird im Alltag oftmals zu einer Belästigung.

Es ist natürlich prinzipiell jedem selbst überlassen, wie er sich kleiden möchte, aber seinen Körper anderen nahezu aufzudrängen zeugt weder von Stil, noch ist es besonders kultiviert. Sein Gegenüber ernst zu nehmen beinhaltet auch den Respekt vor der Scham des anderen. Das erreicht man, indem man seine Privatheit nicht wie einen Speer vor sich her trägt, mit dem man gewaltsam in die Privatsphäre seiner Mitmenschen eindringt.

Ich empfinde eine Aversion gegen die zwanghafte mediale Nacktheit und verstehe Menschen, denen es genauso geht. Die ständige Fleischbeschau aufgrund kapitalistischer Motivation stößt mich schon lange ab, weil sie nicht nur Menschen auf ihre Äußerlichkeiten reduziert, sondern weil sie auch jeden kulturellen Aspekt zerstört. Es vernichtet doch jede Immersion, wenn Frauen in Filmen, Serien oder Spielen auch dann noch halbnackt dargestellt werden, wenn die narrativen Umstände laut nach fester Kleidung schreien. Es ist befremdlich, wenn Produkte mit nackter Haut beworben werden, die an sich eher sachlicher oder praktischer Natur sind. Es wird mit der Zeit ermüdend, ständig nackte Körper zu betrachten, weil das Besondere dadurch nicht nur alltäglich und banal, sondern häufig nur noch nervig und penetrant wirkt. Wenn Nacktheit nicht mehr mit Intimität und Zweisamkeit verbunden, sondern mit Bildern aus der Werbung assoziiert wird, dann stimmt doch etwas nicht. Dann ist der Zenit längst überschritten.

Es gab Zeiten, da machte die sexuelle Befreiung vielleicht Sinn, aber das zarte Pflänzchen der individuellen sexuellen Freiheit ist zu einer vulgären öffentlichen fleischfressenden Pflanze mutiert, die sich ständig weiter entblättert.

Mir ist das schon lange zuwider und ich würde mir eine Gesellschaft wünschen, die das ähnlich sieht und auch entsprechend handhabt.

Es wäre also begrüßenswert, wenn sich die Menschen wieder allgemein etwas praktischer kleiden würden. Man würde seine Mitmenschen anders wahrnehmen und angezogenen Menschen kann man auch viel besser ins Gesicht schauen.

Das heißt natürlich nicht, dass sich eine Gesellschaft wie zu Biedermeiers Zeiten als Lösung für dieses Problem anböte. Die Prüderie der Nachkriegszeit kann als Gegenentwurf selbstredend trotzdem nicht funktionieren, weil sie nicht die Wertschätzung des Individuums oder den Schutz seiner Privatsphäre zum Ziel hat, sondern nur starre Normen und Regeln schafft, die den Menschen in seiner Freiheit und Individualität einschränken, um den verbohrten Ansichten einiger kleingeistiger Menschen zu genügen.

Irgendwo in der Mitte schlängelt sich ein graziler Pfad zwischen dem Respekt vor dem Einzelnen mit seinem Recht auf persönlichen Ausdruck und dem Respekt vor dem Schamgefühl der Masse und diesem sollten wir folgen.

 

 

 

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