Gestörtes Verhältnis

Wertes im Netz kommentierendes Volk

All jene, die verbal auf den Pfaden des politisch Korrekten wandeln, die eigene Muttersprache unablässig mit Anglizismen drangsalieren, bis die einzelnen Worte darin ersaufen, im Netz zugunsten einiger Sekunden „Zeitersparnis“ die Groß/klein-Schreibung vernachlässigen und für ein paar schicke, kurzlebige Modebegriffe gerne bereit sind, gestandene Worte, die bereits durch viele tausend Kehlen wanderten, die Weltliteratur bereicherten und Kilometerlange öde Textstrecken mit Leben erfüllt haben, sang und klanglos aus dem Wortschatz zu streichen.

Und das nur, um sich einen winzigen Moment lang erhaben zu fühlen mit vermeintlich lockerer, moderner Ausdrucksweise, die bei genauerer Betrachtung aber nur die eigenen Defizite kaschieren und in wohlgefälliger klingende Worthülsen stopfen soll. Alles nur um niederen Zielen gerecht zu werden, etwa sich über diejenigen erheben zu wollen, deren Wortschatz, frei von jeder modischen Brandschatzung, in euren Ohren rückständig klingen mag und dabei doch so viel näher an der reinen Lehre ist, als ihr, trotz all eurer Anglizismen, auch nur rudimentär auszudrücken in der Lage wäret.

Ich versuche, zu ergründen, welcher Art euer Problem mit eurer Muttersprache sein könnte. Warum ihr sie nicht pflegt, obwohl sie doch das wichtigste Instrument ist, das euch gegeben wurde, um die Pfade in einer Kommunikationsgesellschaft erfolgreich zu beschreiten.

Was hat euch die deutsche Sprache getan, dass ihr sie so seht?

Ständig stolpere ich im Netz über die Aussage, Deutsch sei uncool. Die Foren strotzen vor derartigen Kommentaren. Egal zu welchem Thema, sei es Musik, Film & Serie, Spiel, überall gilt Deutsch als denkbar schlechteste Wahl, als unzureichende Alternative. Für Musik sei diese Sprache überhaupt nicht geeignet. Spiele müsse man, wolle man sich nicht den Spaß versauen, auf Englisch (oder notfalls sogar in der japanischen Sprachausgabe) spielen. Hauptsache nicht auf Deutsch.

Jeder zweite Film ist angeblich „grottenschlecht synchronisiert“ oder „geht in der deutschen Fassung gar nicht“. Man müsse Film XY auf jeden Fall im Original sehen, weil man diesen nur dann richtig verstehen könne.  Wobei „Original“ wiederum scheinbar ausschließlich den angelsächsischen Sprachraum meint. So als sei die deutsche Sprache grundsätzlich nicht mächtig genug, den Sinn oder Zusammenhang eines Gesprächsverlaufs aus dem englischen adäquat wiederzugeben. Und das, obwohl die Präzision der deutschen Sprache der englischen überlegen ist und sich zudem durch einen Wortreichtum auszeichnet, um die uns viele Engländer und Amerikaner beneiden. Insbesondere, wenn diese eine besondere Affinität zur Sprache haben.

Zudem ist die deutsche Synchronisation weltweit unübertroffen und gilt als annähernd perfekt. Das kann es also unmöglich sein, was euch Glauben macht, diese Sprache gereiche nicht jedem Medium zur Ehre, welches sich mit ihr schmücken darf. Es scheint vielmehr einfach dem Geist eurer Generation zu entsprechen, Deutsch „uncool“ zu finden, und deshalb pauschal weniger wert zu schätzen. Das ist mehr als schade, denn als chirurgisches Werkzeug ist die gekonnt angewandte deutsche Sprache ein Skalpell und euer geliebtes (und von euch leider nur „gefühlt“ beherrschtes) Englisch bestenfalls ein Buttermesser. Englische Muttersprachler mögen mir diese despektierliche kleine spitze verzeihen, ihr könnt ja selbst auch nichts dafür, dass jeder dritte meint, sich mit einem sprachlichen Accessoire schmücken zu müssen, das ihn rhetorisch aussehen lässt, wie einen Ballermann-Touristen im Hawaii-Hemd.

Aber was ist denn auch von einer Generation zu erwarten, die Neusprech nutzt, um bei althergebrachten Begriffen neue Klangfarben zu erzwingen, damit diese kurzfristig dem aktuellen Zeitgeist entsprechen. Was erwartet man von Menschen, die Sprache gendern und politisieren, Worte ihrer Bedeutung berauben und diese damit zerstören, weil sie kein Gefühl für die Kohärenz haben.

Gerade ihr, die ihr es oft nicht so ganz genau nehmt mit der Grammatik und Interpunktion, deren einsilbige Schreibweise häufig nur noch vom kaum vorhandenen Wortschatz unterboten wird, schreit ja stets am lautesten, wie schlecht doch die deutsche Sprache sei. Gemessen an eurer oftmals bescheidenen qualitativen Befähigung, mit der ihr eure Muttersprache ständig im Netz zum Ausdruck bringt, frage ich mich allerdings, warum ihr glaubt, ausgerechnet Fremdsprachen auch nur annähernd so weit meistern zu können, um auch nur das rudimentäre sprachliche Grundgerüst so weit zu entschlüsseln, dass ihr das auch nur halbwegs beurteilen könntet.

Weil ihr mit dem unzureichenden Sprachverständnis der einen Sprache eine andere erschließen wollt, letztendlich nur zwei Sprachen schlecht beherrscht und dies der Welt gerne als Kosmopolit verkaufen würdet, indem ihr beide nach Belieben miteinander kreuzt. Die Wort-gewordenen Missgeburten und Sprachkrüppel, die ihr unheiliges Dasein im Netz fristen, zeugen von dem Leid, das daraus täglich entsteht. Die Diskrepanz zwischen der unzureichenden Ausdrucksfähigkeit in der Sprache, mit der ihr aufgewachsen seid und eurem Selbstbild als sprachlich versierter Tausendsassa, scheint das Ergebnis einer Dissonanz zu sein, deren Auflösungsunvermögen offensichtlich diesen Widerspruch nährt. Anders ist diese Ungereimtheit nicht zu erklären.

Goethe und Schiller hatten den Zeitgeist Gott sei Dank noch auf ihrer Seite. Zu ihrer Zeit galt unsere Sprache noch was und Menschen zierten sich mit ihr, statt sich ihrer zu genieren.

Vielleicht wird die Zeit unserer Sprache irgendwann noch einmal die Ehre erweisen und die Bürger dieses Landes schämen sich seiner Sprache dann nicht mehr.

 

 

 

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8 Gedanken zu “Gestörtes Verhältnis

  1. Ich folgte des werten Herrn SalvaVenias Spur und möchte Ihnen meinen Respekt zollen und meinen Dank aussprechen, nein, ausschreiben für diese klaren und deutlichen Worte. Mit freundlichem Gruße, Käthe Knobloch, bitte mit o.

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  2. Du sprichst mir aus der Seele, danke. Übrigens gilt Deutsch als Sprache in den USA als „cool“ und man übernimmt gerne diese ‚Germanifizismen‘.

    Ein paar Beispiele: „Schlitterbahn“ (im Vergnügungspark), „St. Pauli Girl“ (als Bier mit einem bay’rischen Folklore-Mädchen), „Prezel“ (Laugengebäck), „Gemutlichkeit“ usw.

    Auch die Sprachkurse dort sind regelmäßig ausgebucht, ebenso, wie Heino im Norden der Hit ist.

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    • Nachtrag. Hier in ’schland fällt mir auf, dass gerade die Soziologen und ‚Genderirgendwas mit genau dem um sich schmeißen, was du in deinem Beitrag monierst. Vielleicht in der Hoffnung, dass sie keiner versteht und diese Leute ungestört weiter machen können. Speziell die Genderista mit ihrer pseudowisswenschaftlichen Laberei.

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  3. Ja, es ist wahrlich traurig, umso erfreuter bin ich, durch SalvaVenia auf diesen Artikel gestoßen zu sein.
    Ein Feuerwerk Deutscher Sprache. Salbe für den Geist, der sich häufig diese Verstümmlungen anhören muss.
    Das wird gleich weitergetragen, auf dass es noch möglichst viele andere lesen mögen und sich mit ein wenig mit kümmern, um unser Werkzeug oder Chirurgen Besteck.

    Ich werde wieder mal einen Altmann lesen. Der ist auch so sprachverliebt und weiß schöne Sätze zu bauen.

    Vielen Dank
    Silvia Meerbothe

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  4. Herr SalvaVenia, dieser Verlockungsverführer zog mich an meinem Immersprachneugiernasenring hierher auf Ihren Blog.
    Ihre feurig geführte und für die deutsche Sprache gebrochene Lanze erfüllt mich mit Freude.
    Als bescheidenen Zusatz füge ich Ihrem feinen Beitrag hinzu, dass aus der deutschen Sprache jedes Jahr mehr Worte in andere Sprachen exportiert werden als umgekehrt.
    Exportweltmeister wird man eben nicht bloss mit Fahrstühlen, Waffensystemen und soliden Kraftfahrzeugen.
    Das sei den in trüben Sprachpfützen stochernden Silbenwortsatzholperern ins Sprachbuch geschrieben, die in ihren oft sinnleeren Kauderwelschnachrichten jedweder Art zunehmend auch die Verwendung von persönlichen Fürwörtern (bes. 1. Pers. Sing.) vermeiden.
    Von der grammatisch korrekten Verwendung von einfacher Vergangenheit (Imperfekt) und einfacher Zukunft (Futur) ganz abgesehen…
    Schreiben Sie weiter!
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg, Herr Ärmel

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  5. Habt Dank für eure lobenden Worte zu meinen bescheidenen Ausführungen. Es sind doch nur ein paar einfache Gedanken, zu deren Niederschrift ich mich bereits seit einiger Zeit genötigt fühlte.

    Mit meiner kleinen Ansprache versuchte meine gepeinigte Seele doch nur, den bohrenden Schmerz zu kanalisieren, den die vielen scharfkantigen Text-Schrapnelle mir beim Lesen von Kommentarzeilen im Netz immer wieder zufügen.

    Um besagten Schmerz nicht chronisch werden zu lassen, braucht eine den sprachlichen Feinheiten gegenüber empfindsame Seele ein effektives argumentatives Verbandszeug aus wohlgefälligen Formulierungen, das wie Labsal gegen diese sprach-feindliche Netzwelt da draußen wirkt um quasi einen Schild aus begrifflichem Seelen-Nektar mit Unwort-abweisender Beschichtung zu bilden, mit dessen Hilfe selbst die schlimmsten sprachlichen Unfälle nur noch zu einem milden inneren Lächeln führen.

    Die Niederschrift entsprang also lediglich einer affektiven Verteidigungsreaktion, zu der mich die äußeren Umstände gezwungen haben und ich handelte hier sozusagen aus rhetorisch bedingter Notwehr.

    Eure schmeichelnden Worte balsamieren nichtsdestotrotz meine Seele und es ehrt mich sehr, dass es euch gefällt.

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