Ideale auf der Schlachtbank

Feminismus war mal etwas Gutes. Kaum zu glauben, wenn man sieht, was heute daraus geworden ist, aber es gab Zeiten, da waren die Ideale dieser Bewegung rechtschaffen und ehrenwert. Doch das war einmal. Heute geben sich die Hardliner dieser Bewegung wie eine idealistisch-dogmatische Sekte. Diskussionen sind nicht mehr drin. Es geht nur noch um Konsens. Wer nicht alle, teils ziemlich extremistisch anmutenden Ansichten Teilt, wird direkt als Feind betrachtet, besonders, wenn es sich um einen Mann handelt. Aber das Phänomen ist mir ohnehin nicht unbekannt, denn viele andere Gruppierungen geben sich heute ähnlich starr, unbeweglich und dogmatisch. Doch geschenkt, darauf will ich eigentlich gar nicht eingehen. Ich habe mich bisher aus solchen Diskussionen immer bewusst rausgehalten. Das aktuelle Gesicht des Feminismus soll mir nur dabei helfen, meine Sichtweise auf den Grund für dieses Phänomen zu verdeutlichen und der Feminismus soll mir dabei nur als Beispiel dienen und nicht der Inhalt sein.

 

Es geht im Feminismus meiner Meinung nach schon lange nicht mehr um gesellschaftliche Weiterentwicklung oder Gleichberechtigung. Die meisten Ziele sind ohnehin bereits innerhalb der letzten zwei Dekaden verwirklicht worden oder die Realität ist bereits nah am ursprünglichen Ideal. An dieser Stelle werden wahrscheinlich nicht alle meiner Meinung sein, aber einerseits ist das keine Feststellung, die der Deutungshoheit der, aufgrund eines vermeintlich gerechten Anliegens, von ihrer Überlegenheit überzeugten Interessenvertreter unterliegt, andererseits ist das auch gar nicht der Punkt, auf den ich hinaus will. Das Problem liegt ganz woanders.

 

Es ist der Zeitgeist mit seinem vorherrschend kapitalistisch geprägten Weltbild. Denn der Turbokapitalismus kennt keine Grenzen. Er kennt nur materielle Werte, deren Maximum stetig nach oben angepasst werden muss. Das ist seiner fatalen Vorstellung von kontinuierlichem Wachstum geschuldet. Es gibt kein erreichbares Ziel, denn das Ziel ist kein Ort, an dem man innehalten, kein Zustand, der irgendwann erreicht werden kann, sondern ein fortlaufender Prozess, eine Variable, deren Wert sich bereits auf dem Weg zum Ziel verändert hat. Die ursprüngliche Intention des Feminismus ging dabei teilweise verloren und der Punkt, der irgendwann mal als Ziel definiert war, ist bereits seit langem überschritten. Man hat die alten Ideale schleichend an die neue Denkweise „angepasst“, für sich vereinnahmt und letzten Endes das gesamte ideologische Konstrukt assimiliert. Aus dem Feminismus wurde so via Zeitgeist der Turbo-Feminismus. Und da das Hauptmerkmal der beschleunigten Denkweise die unwiderlegbare Tatsache ist, dass deren Schmarotzer den Hals nie voll genug kriegen, hat halt auch das feministische Fass in unserer Zeit keinen Boden mehr.

 

Deshalb suchen die FürstreiterInnen der Amazonen heute auch nicht mehr die „Augenhöhe“ von Mann und Frau, denn es geht hier weder um Rechte, noch um Gleichheit. Es geht um Lobbyismus. Es geht um Einfluss. Es geht um Geld. Die stecken ihren Claim ab. Im Namen des Feminismus. Dabei ist dieser nur noch das Vehikel für die Nutznießer des Monopolkapitalismus. Selbstverständlich wissen sie, wie man sich zu verkaufen hat, um ihr Anliegen in der Öffentlichkeit zu präsentieren, bzw. durchzuboxen. Sie wissen, wie man das Feuer schürt und wie man es am brennen hält. Die Mechanismen sind dieselben, wie bei jeder politischen Agitation. Propagandistisches Vokabular und Neusprech tragen das Anliegen in die Welt. Darauf will ich aber auch nicht weiter eingehen. Ich habe ohnehin bereits viel zu viel dazu gesagt. Das erklärt meiner Auffassung nach schlicht, warum das Thema überall hochkocht und warum es auch in absehbarer Zeit nicht ausdiskutiert sein wird. Der Feminismus selbst ist nicht das Problem. Die falsche Handhabung einer richtigen Idee ist schlicht ein Krankheitssymptom und die Krankheit ist Teil unseres Systems. Wahrscheinlich werden mich die Feministen jetzt trotzdem hassen, auch wenn ich im Kern eigentlich ihrer Meinung bin und nur den Versuch einer Erklärung machen will, warum selbst gute Ideen nur so gut sein können, wie es der Zeitgeist zulässt. Der Feminismus ist nur ein gutes Beispiel dafür.

 

An diesem Punkt ist es mir wichtig, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass ich die Gleichberechtigung immer befürwortet habe und ihrem ursprünglichen Anliegen auch noch immer positiv gegenüber eingestellt bin. Das, was die marktkonforme Gesinnung allerdings daraus gemacht hat reiht sich nahtlos in das Gefüge aus grotesken Szenarien ein, die unser Leben aktuell bestimmen. In dieser pervertierten Form ist es abzulehnen, wie auch alle anderen „Gaben“ aus dem Füllhorn des Neoliberalismus. Damit will ich sagen, dass der Feminismus nicht das einzige ist, was sich durch totale Kapitalisierung und die Fokussierung auf Gewinnmaximierung stark nachteilig für die Gesellschaft verändert hat.

 

Alles wird durch eine Art kapitalistischen Teilchenbeschleuniger (ich nenne es mal „Kapitalisator“,  hergeleitet aus „Kapital“ und „Katalysator“) gejagt. Dieser Prozess verändert alles in seinem Sinne. Er vereinnahmt Ideen, verändert Ideale, macht aus Kunst und Kultur ein konsumierbares Produkt und klebt Preisschilder an Dinge, deren Wert sich nie in Zahlen ausdrücken ließe. Für den Fortbestand unserer Gesellschaft ist das gefährlich. Nicht allein die ungerechte Verteilung und die daraus resultierende Armut werden zunehmend zur Bedrohung, auch in kultureller Hinsicht wird das zu einem Problem. Durch die Kapitalisierung der Welt verarmt nicht nur ein Teil unserer Gesellschaft materiell. Gleichzeitig findet durch die Monetarisierung aller Aspekte unseres Schaffens eine geistige Verelendung auf ALLEN kulturellen Ebenen statt und diese Armut trifft ALLE Schichten. Das zerstört Diversität und Vielfalt, weil alles nur noch dem Geschmack der Masse gerecht wird. Monokulturen beherrschen das Bild, für Nischen bleibt kein Raum. Das nimmt uns den Sinn für die Schönheit des Einfachen, denn der Marktwert bestimmt, was wir schätzen und lieben. Diese unselige Fixierung auf Gier und Habsucht beraubt uns unserer Möglichkeiten, hemmt unsere Bedürfnisse und eliminiert damit die wichtigste Triebfeder unseres kulturellen Fortbestehens. Sie durchdringt weitreichend unser gesamtes Leben und nimmt uns viel mehr, als sie uns zu geben vorgaukelt. Sie schaltet uns gleich.

 

Eine Gesellschaft, die sich so sehr geistig unterfordert, wird daran nachhaltigen Schaden nehmen. Deutliche Hinweise auf eine stattfindende Verblödung finden sich bereits jetzt überall. Um das wieder gerade zu rücken, hilft es wenig, an den Symptomen herumzudoktern. Solange dieses System uns weiterhin beeinflusst, wird es immer weniger Dinge geben, die sich der marktwirtschaftlichen Doktrin nicht vollkommen unterordnen und wir entwickeln uns viel schneller zurück zu Barbaren, als es uns lieb sein könnte.

 

 

 

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2 Gedanken zu “Ideale auf der Schlachtbank

  1. „Das Problem liegt ganz woanders“

    Nein, das tut es eben nicht. Gleichberechtigung, bzw. das Handeln frei von den Zwängen einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft (seitens der Frauen UND der Männer übrigens) ist in vielen Teilen der Welt noch weit entfernt und auch im deutschen bzw. ach so fortschrittlichlichen „westlichen“ Raum gibt es noch viel zu tun.

    Desweiteren fehlen mir im weiteren Text einfache Beispiele, Sie schwafeln zwar viel, aber den Vorwurf eines pervertierten Feminismus sollte man doch eigentlich mit konkreten Beobachtungen untermauern. Sonst wirkt es zumindest auf mich wie ein Schuss in den Ofen, als wäre da eine Abneigung gegen den modernen Feminismus, die sich aber nicht konkret begründen lässt.

    Es geht den „Amazonen“ (was für eine unsägliche Bezeichnung) also um Einfluss, Lobbyismus? Woran machen wir das nochmal fest?
    Propagandistisches Vokabular?
    Auch was die „marktkonforme Gesinnung“ aus dem ursprünglichen Anliegen genau gemacht hat, bleibt mir als Leser auch verwehrt. Schade.

    Dass die Feministinnen sie jetzt wahrscheinlich hassen, kann man so nicht sagen, der Feminismus gliedert sich wie jede Strömung ähnlicher Tragweite in verschiedene Richtungen auf, dementsprechend auch nur ansatzweise zu differenzieren, wäre zwar praktisch, aber man muss ja anscheinend nicht, wie dieser Artikel zeigt.

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    • „Gleichberechtigung, bzw. das Handeln frei von den Zwängen einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft (seitens der Frauen UND der Männer übrigens) ist in vielen Teilen der Welt noch weit entfernt…“

      Wie es jenseits des westlichen Raums aussieht, ist für das, was ich mit meinem Text auszudrücken beabsichtige, weniger Relevant, da ich hier in erster Linie den Einfluss des westlichen Systems kritisiere. Mir ist natürlich bewusst, dass es weltweit noch viele Orte gibt, an denen von Gleichberechtigung bestenfalls geträumt wird und wo sie dringend nötig wäre, aber da herrschen meist auch noch viele weitere Ungerechtigkeiten, die nicht vom System Marktwirtschaft beeinflusst werden (jedenfalls nicht unmittelbar) und damit auch nicht Teil meiner Aussage sind.

      „…und auch im deutschen bzw. ach so fortschrittlichlichen “westlichen” Raum gibt es noch viel zu tun.“

      Das der westliche Raum diesbezüglich nicht so fortschrittlich ist, wie es möglich wäre, liegt doch gerade daran, dass es allen beteiligten Parteien (die Feministen eingeschlossen) hier in erster Linie nur darum geht, sich Teile des großen Kuchens zu sichern, statt Gerechtigkeit für alle zu fordern. Genau darauf will ich ja hinaus. Zudem geht es hier, statt um gleiche Rechte, eher um Gleichstellung, also Gleichmacherei, wo es stattdessen notwendig wäre, Unterschiede zu berücksichtigen und dementsprechend vorhandenes Potenzial auszuschöpfen. Auf die individuellen Fähigkeiten und Defizite einzugehen, statt gleiche Leistung in alles Aspekten zu erwarten.

      Grundsätzlich ist aber die Differenz zwischen den Rechten des Mannes und der Frau hier in Deutschland, die man uns verkaufen will, nicht vorhanden, sondern nur ein Kampfbegriff seitens derer, die davon profitieren, dass Mann und Frau in Konkurrenz zueinander stehen. Unterschiede im Lohnniveau sind vielleicht teilweise vorhanden, resultieren jedoch aus der galoppierenden „liberalisierten“ Marktwirtschaft und nicht aus struktureller Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Das Thema gehört zwar auf die Agenda der Feministen, aber sie suchen die Schuldigen am falschen Ort.

      Am Ende steht die Frau gesellschaftlich gesehen nicht schlechter da, als der Mann. Bereits seit den 80ern, spätestens den 90ern gibt es hier praktisch keine Hürden mehr bezüglich der vorhandenen Möglichkeiten, ihrer Rechte und ihres Ansehens und darauf kommt es an. Deshalb sehe ich die Ziele als erreicht und halte die häufig behaupteten gravierenden Unterschiede für Augenwischerei, zumal ich persönlich, nicht zuletzt durch Beobachtung meiner Umwelt, zu einem anderen Schluss gekommen bin.

      „Desweiteren fehlen mir im weiteren Text einfache Beispiele, Sie schwafeln zwar viel, aber den Vorwurf eines pervertierten Feminismus sollte man doch eigentlich mit konkreten Beobachtungen untermauern.“

      Dies ist ein Privat-Blog. Es geht hier um persönliche Betrachtungen und um Dinge, die mir auffallen.
      Ich kann die Welt natürlich nur durch meine eigenen Augen sehen, und da ich hier nur meine Ansichten verbreite und keine Wissenschaft betreibe, verzeihe man mir die Verwegenheit, keine empirischen Studien vorgelegt zu haben.

      „…als wäre da eine Abneigung gegen den modernen Feminismus, die sich aber nicht konkret begründen lässt.“

      Konkret: Was mir am modernen Feminismus tatsächlich nicht passt ist die Arroganz, der Anspruch auf die Deutungshoheit zu allen damit verbundenen Inhalten, so als gäbe es keine klugen Köpfe außerhalb dieser Bewegung, der quasi-religiöse, an Fanatismus grenzende Eifer bei der Verfolgung der eigenen Ziele und der Unwille, zu debattieren, sprich Gegenargumente nicht pauschal zu verteufeln, weil das eigene Weltbild bereits in Zement gegossen ist. Zugegeben, der letzte Punkt ist leider ein Symptom unserer Zeit und nicht nur des Feminismus.

      Diskussionen auf feministischen Plattformen lesen sich häufig so, als befänden wir uns noch in der Steinzeit. Da wird ständig von struktureller Ungleichheit geredet und dem Mann werden Privilegien unterstellt, die ich persönlich weder wahrgenommen noch je in Anspruch genommen habe. Mitunter fühlt es sich an, als gäbe es zwei Welten.

      Ein Beispiel: Bei der #Aufschrei-Diskussion konnte man(n) das Gefühl bekommen, Frauen könnten keine zwei Schritte vor die eigene Haustür gehen, ohne gleich von einem Rudel sexbesessener, böser Männer belästigt, drangsaliert und verfolgt zu werden, während in der Nachbarschaft Fenster und Türen verrammelt würden, um das alles geschehen zu lassen. Ich lebe in einer anderen Welt. In dieser Welt gibt es mehr aufrichtige Menschen, die sich gegenseitig helfen als Arschlöcher, die übergriffig werden. Und den meisten Menschen geht es wahrscheinlich genauso. Indem der moderne Feminismus allen Menschen außerhalb des pro-feministischen harten Kerns ihre Lebenserfahrung und quasi ihre gesellschaftlichen Kompetenzen (Beobachtungsgabe, Beurteilungsfähigkeit) abspricht, stößt er ihnen vor den Kopf.
      Jeder Mensch, der seine Umwelt als aufgeschlossen und hilfsbereit wahrgenommen hat (wahrscheinlich der Großteil der Gesellschaft), muss sich vorkommen, als wäre er über Nacht versehentlich in ein Paralleluniversum gerutscht.

      „…“

      Da der Rest der Beanstandungen nur auf einzelnen Begriffen in meinem Text herumreitet, hier ebenso knapp zusammengefasst meine Antworten:

      -Amazonen habe ich hier bewusst polemisierend verwendet. Schande über mich, ich bin ganz offensichtlich ein böser Mensch.
      – Woran machen wir das alles fest? Gegenfragen sind natürlich perfekt, wenn man nur seinen Protest bekunden und selbst eigentlich nichts Konkretes zum Thema sagen will, nicht wahr?
      – Das die Feministen mich jetzt wahrscheinlich hassen, ist selbstverständlich kein rhetorischer Ausdruck, sondern wörtlich zu lesen. Oder etwa nicht? Hmmm. Noch mehr Fragen.

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