Der Zwang zum Konsens

Harmonie vs. Kritik

 

Konsens wird in unserer Gesellschaft groß geschrieben. So groß, dass man alle  Lettern  des Wortes in Großbuchstaben schreiben muss, will man seinem gesellschaftlichen Stellenwert noch gerecht werden. Denn der Kritiker wird heute nicht mehr gerne gesehen, muss klein gemacht werden und bekommt es dann mit dem wütenden Mob zu tun, wenn er es wagt, die gleichgeschaltete Meinung zu untergraben. Befriedung kritischer Gedankenmasse mit allen Mitteln, um den Anschein der Harmonie zu erwecken, steht über freier Meinungsäußerung, während diese zum Scheinargument verkommt, wenn es darum geht, die vermeintlichen Vorzüge unserer wunderbaren Demokratie zu demonstrieren. Wer seine Stimme wirklich erhebt, darf sich nur zu etablierten Feindbildern kritisch äußern, ansonsten gilt er schnell als suspekt.

 

Das Innenfutter des sogenannten Mantels der Gerechtigkeit besteht aus engmaschigem, kleinkariertem Gewebe.

 

Das Wort „Gerecht“,  inklusive seiner Synonyme haben sie ohnehin schon längst okkupiert und für sich selbst reserviert. Sie gestehen es nur Gesinnungsgenossen zu. Wer anders denkt, muss mit geächteten Begriffen vorlieb nehmen, die sich auf No-Go-Listen befinden. So wird aus der gerechten Empörung der Shitstorm, Menschen mit kritischen Gedanken zu Wutbürgern, politisch resignierte Menschen, die keine der etablierten Parteien für wählbar halten, werden zu Protestwählern, etc. etc. Es gibt hunderte solcher Begriffe, denen man kurzerhand eine andere Konnotation zugewiesen hat, um sie entweder zu entwerten, oder aber ihren Klang zu verbessern. Worte mit negativer Konnotation werden einfach durch neue ersetzt, Begriffe, die nicht mehr die Meinung der „Rechtschaffenden“ wiederspiegeln, zu Unworten erklärt und der Zyklus der Euphemismus-Tretmühle neu initiiert. Bis auch das neue Wort seine gesunde Farbe verliert, wird so getan, als habe man das Problem behoben. Hauptsache, es herrscht Harmonie.

 

Was der Majorität der Gerechten nicht passt, wird passend gemacht. Wem das nicht passt, der bekommt halt eine verpasst.

 

Negativen Äußerungen sind ohnehin verpönt. Man soll dann immer sagen: „Ich finde“, „Meiner Meinung nach“ etc., wenn man es schon wagt, nicht toll zu finden, was die Mehrheit zum Gegenstand der bedingungslosen Liebe erklärt, zum einhelligen Schulterklopfen freigegeben hat. Aber bei positiven Äußerungen ist ein „Das ist so“ selbstverständlich kein Problem. Das ist heuchlerisch, aber leider an der Tagesordnung. Es wird mit oberlehrerhaftem Verhalten auf alles reagiert und was sich außerhalb der Blase der Akzeptanz befindet, darf gemeinschaftlich niedergemacht werden. Hetze und Treibjagden auf sozial Geächtete sind heute keine Seltenheit mehr, werden in den Medien im Großen, wie auch in sozialen Netzwerken im Kleinen zelebriert. Die Gehetzten werden dabei mit Vorliebe pathologisiert. Damit grenzt man sich ab, denn schließlich gehört man ja selbst zu den Gesunden, den Guten. So hasst man auch den Terminus „Gutmensch“, seines despektierlichen Charakters wegen. Was gut ist, darf ja schließlich nicht in den Dreck gezogen werden. Dabei könnte man Menschen mit kleingeistigem, spießbürgerlichem Habitus kaum besser etikettieren. Vielleicht sollte man sie lieber „Bessermenschen“ rufen, zumindest, bis sich diese Wortschöpfung ebenfalls in Liste der Unwörter einreiht und im aufgeheizten Furor der gerechten Masse verglüht.

Ein gutes Beispiel ist der heute inflationär verwendete Begriff „Homophobie“*. Damit wird im Netz gefühlt jeder Dritte bedacht, der sich kritisch an Diskussionen zum Thema Gender-Mainstreaming beteiligt. Nur, dass Homophobie kein anerkanntes Krankheitsbild ist, sondern ein dysphemischer Begriff. Ein Politikum. Denn, wer sich gegen die Einführung von Gender-Mainstreaming in Grundschulen auflehnt, kann ja nur homophob sein. Was für eine Pervertierung moralischer Werte hier stattfindet. Schulkinder werden sexualisiert und Personen mit gesundem Menschenverstand mittels Neusprech zu Kranken erklärt, um die Ziele einer ideologisch fehlgeleiteten, radikal agierenden Agenda durchzusetzen. Das hat wahrhaft krankhafte Züge, aber für solche Gesellschaftskrankheiten gibt es weder medizinische, noch sprachliche Äquivalente. Schwarmidiotie, Herdentrieb und unbedingter Harmoniezwang scheinen aber Symptome dieses Krankheitsbildes zu sein.

*[Ich sehe mich selbst nicht als homophob und die sexuelle Orientierung meiner Mitmenschen ist mir eigentlich ziemlich egal, aber der Begriff zeigt sehr gut, wie das System der Diffamierung arbeitet. Kann natürlich durchaus sein, dass mich jetzt, schon wegen dieser Äußerungen, einige Leute mit diesem Prädikat bedenken. Das prallt aber an mir ab, wie das berüchtigte „Antisemit“,  an Israelkritikern, sobald es von Herrn Broder ausgesprochen wird.]

Ich kann allen kritischen Naturen deshalb nichts als meine uneingeschränkte Achtung darbieten und hoffen, dass die Zeiten, in denen Kritiker sich in der gesellschaftlichen Liebe sonnen durften, zurückkehren werden, wenn die Zeit reif ist. Bis dahin heißt es eben, weiter gegen Windmühlen zu kämpfen.

 

 

 

 

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