Schöne neue Werbewelt

Es wird immer schlimmer. An kaum einem Ort ist man noch sicher.

Nicht nur in sämtlichen Medien von TV über Print bis ins Netz, auf beinahe allen Plattformen, die wir nutzen, findet sie rund um die Uhr statt.

Sie sprudelt aus nahezu jeder Quelle, ob stationär oder mobil, erreicht uns analog und digital, auf alten und neuen Pfaden, direkt oder auf Umwegen, mittels Licht und Schall, in Form von Welle, Partikel oder wessen auch immer sie habhaft werden kann.

Sie nervt auf elektronischem Gerät aller Art, via Smartphone, Laptop, Pad, Tablet, PC, Handheld, Fernseher, Radio, neuerdings aber auch mittels Armbanduhren oder anderen Körperschmuck und demnächst sogar über sogenanntes intelligentes Gewebe – was kommt noch? Vielleicht schon bald auch Zahnfüllungen? Da hilft nicht mal mehr der gute alte Alu-Hut.

Selbst in die persönlichsten Bereiche und Ruhe-Inseln, den Schutzzonen des Eskapismus, wie etwa dem virtuellen, abgeschlossenen Raum der Spiele, dringt sie vor. Man kann ihr kaum noch entkommen, vor allem, wenn man sich nicht zu schützen weiß. Und obwohl sie von den meisten abgelehnt, ja gehasst wird, ist sie  so präsent wie die Atemluft und das Trinkwasser, je nach Region vielleicht noch präsenter.

Sie ist so Allgegenwärtig, dass man sie fast schon fühlen kann und sie vermehrt sich wie Ungeziefer oder Ratten. Eine Geißel unserer Zivilisation. Die moderne Pest. Sie ist wie dunkle Materie. Überall herrscht sie vor, vielen ist ihre wirkliche Wirkung auf uns nicht bekannt und sie scheint mitverantwortlich dafür zu sein, dass alles auseinanderdriftet.

Die Werbung. Bekannte Synonyme: Reklame. Kundenfang. Propaganda.

Das Wort, welches den Kern am besten trifft, ist ‘Bedarfslenkung‘. Das klingt hässlich und ist es wohl auch. Einflussnahme und Willenslenkung, Indoktrination und Demagogie stehen hier Pate und das impliziert nicht, dass es meine Wünsche berücksichtigt oder meine Träume bedienen will. Es geht hier nur um die Steuerung meiner Impulse und falsche Versprechungen. Um Gier und niedere Motive. Intrige, Ränke, Komplott und Kabale sind stehen dieser Wortfamilie sprachtechnisch deutlich näher, als die versprochenen Verheißungen des persönlichen Glücks und der Wunscherfüllung es implizieren.

Werbung wird ständig penetranter und geht dabei, gemessen an ihrer psychologisch manipulativen Qualität, immer geschickter vor. Es ist schwierig geworden, ihr wahres Naturell zu durchschauen und sie, also ihr boshaftes, von Habgier getriebenes Potenzial, wird ständig weiter perfektioniert. Ihr Ansinnen ist von perfidem und niederträchtigem Naturell, denn sie heuchelt mir vor, meine Bedürfnisse bedienen zu wollen, wo sie tatsächlich versucht, eben diese zu lenken und zu steuern.

Was mich an Werbung allgemein, besonders in ihrer heutigen Form, stört:

Auch, wenn ich tausendmal Brot gegessen habe, will ich morgens garantiert nicht von [Brothersteller eurer Wahl einfügen] geweckt werden. Auch, wenn ich Dinge mag, greife ich darauf zu, wann es mir passt und bestimme selbst darüber, ob und wann ich Lust darauf habe. Penetrantes wiederholen einer „Botschaft“, egal welcher, führt bei mir eher zu Ablehnung und Widerstand. Ich boykottiere Marken, die mich nerven. Das ist wie mit Musik – Ich liebe Rockmusik, aber wenn der Nachbar mich damit penetriert, während ich in der Stille des Abends ein Buch lesen will, kann es auch das geilste Stück Akustik sein, das je auf ein Trommelfell traf – es NERFT!

Weil mir  [Koffeinhaltige Brause mit viel Zucker und Kohlensäure] schmeckt, muss ich noch lange keine scheinsozial angehauchte New Age Werbung toll finden. Gerade diese verlogenen Wohlfühlspots fühlen sich auf eine nahezu ekelerregende Art und Weise klebrig (wie das Produkt, wenn die Kohlensäure fehlt) und falsch an. Heuchelei ist immer schlecht. Das bringt mich zum kotzen und bewirkt so das Gegenteil von dem, was es eigentlich bewirken sollte. Und der rote Weihnachtsclown darf gerne dahin gehen, wo die Sonne nicht scheint (es ist nicht der Nordpol).

Ich bin ein erwachsener Mensch, also zeigt gefälligst den nötigen Respekt und versucht mich nicht wie ein Kind, einen Minderbemittelten, einen Faktor ohne eigenen Willen oder eine Variable in eurer Rechnung zu behandeln.

Es ist nicht die Werbung selbst, sondern die Art und Weise, wie sie präsentiert wird, die grenzenlose Gier, die Maßlosigkeit, die sich in ihr spiegelt und die unendliche Arroganz derer, die die Intelligenz ganzer Gesellschaftsschichten damit täglich beleidigen. Werbung assoziiert bei mir oft ein Gefühl von Ekel und Aversion, weil sie Erwachsene von oben herab, wie Kleinkinder behandelt und ihnen so den gesunden Menschenverstand abspricht.

Mit erwachsenen Menschen zu reden, wie mit Kindern, ist ein beliebter sowie äußerst perfider psychologischer Trick, um sich gegen die Mehrheit zu behaupten oder etwas Unpopuläres trotz Widerstand durchzuboxen.

Die Häufigkeit und Regelmäßigkeit der Werbung im Alltag ist erbärmlich. Überall kann man ihr Begegnen, ständig wiederholt sie sich. Das stört mit zunehmendem Alter umso mehr, weil es wie ein altes Leiden immer schlimmer wird und sich ein Gefühl von Unausweichlichkeit breit macht, wenn man da nichts gegen unternimmt. Ich beziehe auch mein aktuelles Wissen nicht zuletzt deshalb aus dem Netz, weil ich mich dort mit Werbeblockern schützen kann.

Wegen Werbung sehe ich seit Jahren kaum noch TV. Ich hasse nichts mehr, als diese dumme, verlogene, penetrante, aggressive Fernseh-Werbung, ganz besonders, wenn ich nicht die Wahl habe, diese abzuschalten oder zu umgehen. Meine Privatsphäre (mein Wohnzimmer und mein „Arbeits“-Zimmer) ist mir heilig und ich sehe in jeder Form von Industrie und Wirtschafts-Propaganda einen Angriff darauf.

Personalisierte Werbung soll mich jetzt also retten? Damit soll es besser werden? Glaubt das wirklich irgendjemand? Es geht nicht darum, mir wirklich etwas zu bieten, was ich gerne hätte, sondern nur darum, mich zu „knacken“. Mir das Gefühl zu geben, im Mittelpunkt zu stehen, hinten rum meinen Schutzschild zu umschleichen und mir dann mit meinem eigenen Arsch den Kopf zu waschen. Diese raffinierte Boshaftigkeit ist schon beinahe wieder genial. Man manipuliert mich auf diese Weise mit meiner eigenen Zustimmung und ich finde das dann am Ende sogar noch toll. Brillant, nahezu.

Manipulation ist eben rentabler als echte Information. Verbraucher täuschen, Begehrlichkeiten wecken, das bringt weit mehr ein, als „nur“ Bedürfnisse zu befriedigen. Man will mich mit einem Vorwand, der Betonung meiner vermeintlichen Individualität, Glauben machen, man nähme mich als Person wahr, jedoch eigentlich nur perfide meine Skills aushebeln.

Dieses hohe manipulative Potenzial ist das Ergebnis jahrelanger propagandistischer Arbeit und deshalb auch nicht so leicht für jeden als solche zu erkennen. Es bleibt trotzdem agitatorisch und manipulativ.

Diese ganze allgegenwärtige, penetrante Werbung ist nur ein Symptom des Neoliberalismus, sonst nichts.

Geht mir weg damit!

Forensische Werbe-Strategie!

Durch Verhaltensanalysen, Nutzerstatistiken und dem Sammeln, sämtlicher persönlicher Daten, versucht man, mich wissenschaftlich zu erfassen und so den Manipulationsgrad zu „verbessern“. Man erfasst sämtliche Bewegungen im Netz (Bestellungen, besuchte Webseiten, Social Media etc.), auf dem TV (Fernseher mit Netzanbindung und entsprechender Software) und neuerdings sogar via Spielkonsole (Horst), verknüpft diese mit meinen Vorlieben und meinem Konsumverhalten zu einem Profil, das Fachleuten im für mich ungünstigsten Fall ein besseres Bild von mir vermitteln kann als ich es selbst könnte.

So wollen Sie also auch die letzte Bastion zu knacken, meine ureigenen biologischen Informationen. Mein Innerstes ausspähen. Mit den gleichen Eckdaten, die man auch bei Verbrechern, Kinderschändern und Soziopathen sammelt? Wo soll das hinführen? Auf mich zugeschnitten wie der feinste Zwirn kostet es mich das mindestens auch einen Teil meiner Freiheit. Doch nicht nur mich. Es kommt uns alle teuer zu stehen, wenn wir das zulassen.

Deshalb:

Liebe Manager, geehrtes Kapitalistenpack. Ihr könnt euch alle mal euren, (vermeintlich auf meine Persönlichkeit zugeschnittenen), B o c k m i s t, der am Ende doch nur einem Versuch des Teufels gleichkommt, sich Teile meiner Seele zu sichern, dahin… na, ich wisst schon.

Was will ich?

Gezielte ANTWORTEN auf meine ANFRAGEN statt penetranter Belästigung an immer privateren Orten, z.B. im Spiel (Ingame Werbung stinkt. Die Virtuelle Welt ist mein privater innerer Zirkel – Wer da mit Werbung kommt, verspielt seine Karten komplett bei mir. Da ist kein weiterer Diskurs mehr drin) – Damit könnte ich leben.

Weil Ich dann selbst entscheide, ob ich Werbung sehen will.

Weil ich selbst bestimmen kann, wann ich was wo sehen will.

Weil Ich selbst alle relevanten Eckpunkte festlegen und aus eigenem Antrieb handeln kann.

Und weil ich SELBST bestimmen kann, wann ich was wo sehen will.

Habe ich das mit dem SELBST BESTIMMEN schon erwähnt?

Das bedeutet: Wenn mir danach ist, darf man mir gerne personalisierte Vorschläge machen, die Ich dann mit meinen Vorstellungen abgleichen kann, um daraufhin aus einer Reihe von passenden Produkten das richtige zu wählen. Aber nur, wenn ich es ausdrücklich wünsche: Kontaktieren Sie uns nicht – Wir melden uns dann schon bei ihnen – ganz wie im echten Leben.

Meine biometrischen Daten durften nicht mal in meinen Personalausweis, da werde ich garantiert nicht so dämlich sein, diese irgendwelchen gierigen Nadelstreifen-Zombies zu überlassen.

Fazit:

Alles, was man von mir zu erhalten hoffen darf, ist eine Geste, die ich mit nur einem Finger hinkriege. Und das ist nicht das Klicken, des Ich-stimme-zu oder Gefällt-mir Buttons.

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