Souls – Ein (später) Kniefall

Am Anfang hat es mich einfach erschlagen. Ich wollte es hassen. Ich fand es unfair und es hat meine Nervenstränge wie auf einer Streckbank bis weit über den Horizont meiner persönlichen Belastbarkeit gezerrt. Nach dem ersten Boss (Phalanx) stellte sich bei mir nicht das Gefühl der Euphorie ein, vielmehr lagen meine Nerven bereits Blank, weil ich so lange gebraucht hatte, um mich überhaupt bis dahin durchzubeißen. Der Motor der Motivation wurde dann auch bereits beim zweiten Endgegner (in der selben Welt) komplett abgewürgt. Dieser war gigantisch groß und erschlug mich direkt am Eingang mit einem einzigen Schlag seines überdimensionierten Schildes. So wie man eine Fliege erschlägt. Ich fühlte mich klein und nichtig. So als hätte ich mich in der Tür geirrt und statt des Anfängerkurses versehentlich das Profi-Seminar besucht. Ich fragte mich, wie es je möglich sein sollte, hier zu bestehen. Das war für lange Zeit der letzte Endgegner, den ich überhaupt je zu Gesicht bekommen sollte.

Ich konnte noch eine Weile Aufleveln, bis auch das zur Mühsal wurde. Erkundungsdrang und positive Erwartungshaltung wichen dann mit voranschreitender Spielzeit einem unangenehmen, mulmigen Gefühl. Einer Mischung auf Frust und Verlustangst, die mit jedem Mal wuchs, wenn ich die wertvollen gesammelten Seelen endgültig verlor, weil ich es eben nicht zu der Stelle zurück schaffte, an der ich zuvor den virtuellen Tod gestorben war. Frustmomente stapelten sich wie dreckiges Geschirr auf meinen gespannten Nervensträngen und klapperten im Takt mit meinen knirschenden Zähnen zum Klang des Unmutes, der sich mittels Gebrüll seinen Weg durch meinen Rachen in die Welt brach.

Ich war es gewohnt, stets jeden Winkel in Spielen zu erkunden und dabei immer noch etwas tiefer in die jeweilige Welt vorzudringen, doch genau das führt bei der „Souls“-Reihe meistens zum Verlust vieler Seelen und damit zu Ärger und Verdruss. Das durchschreiten neuer Areale machte somit kaum noch Spaß, weil ich permanent um die bereits erkämpften Seelen fürchten musste und eine Rückkehr in den Nexus bedeutete nichts weniger als das erneute Durchspielen des gesamten Abschnitts mit allen bereits besiegten Gegnern. Und die erneute Möglichkeit, alles zu verlieren, was man sich in mitunter Stundenlanger, bockschwerer Mühsal erarbeitet hatte.

Ich sah irgendwann kein Land mehr; konnte nicht einmal bestimmen,  in welche Richtung ich zu schauen hatte, um Land zu sehen. Dabei hatte ich mich trotz zahlreicher virtueller Tode bereits viele Stunden durchgebissen. Aber dann kam ein Punkt, an dem ich keinerlei Fortschritt mehr wahrnehmen konnte. Der permanente, allgegenwärtige Verlust und die stetig steigende Zahl der benötigten Seelen schienen schon früh in keinem Verhältnis zu stehen. Die wachsende Menge der benötigten Seelen machten aber längere Erkundungen notwendig und erhöhten dadurch auch noch das Verlustrisiko. Ein Teufelskreis.

Gleichzeitig machte das Leveln m.E. weniger her, als in anderen RPGs. Die eigenen Skills sind im Souls-Universum wichtiger als die verteilten Skillpunkte, wie ich heute weiß. Ich spürte die Verbesserungen kaum, wurde immer noch an jeder Ecke erschlagen und fühlte mich stets unterlegen. Der Frustfaktor überragte dementsprechend den Spaßpegel irgendwann um Längen. Ich konnte an diesem Spiel nicht „wachsen“. Jedes winzige Erfolgserlebnis wurde von einer Armada von Rückschlägen zu Grabe getragen. Trotz der jahrelangen Erfahrung und hunderten gespielter Spiele. Obwohl Rollenspiele aller Art schon seit jeher mein Steckenpferd waren und ich fester Überzeugung war, ein versierter Zocker zu sein. Meine Skills reichten scheinbar nicht aus, um hier zu bestehen.

Ich gab auf. Legte das Spiel beiseite und betrachtete im Kopf das Experiment „Demon’s Souls“ für beendet.

Dann kam Dark Souls auf den Markt.

Mit ein paar Veränderungen versprach es weniger Frust bei gleichzeitig größeren Arealen und einer in sich geschlossenen Welt.

Haltet mich für verrückt, aber ich konnte trotz der eher negativen Erfahrungen mit dem Vorgänger nicht widerstehen. Vielleicht bin ich ein Masochist, vielleicht ein verpeilter Idealist, vielleicht bin ich einfach nur ein naiver Anhänger des Prinzips „Hoffnung“. Ich weiß es nicht. Ich habe mir das Teil ebenfalls zugelegt. Zunächst ging es damit ganz gut voran, ich besiegte zwei Endbosse ohne größere Probleme und konnte ordentlich viel Terrain erkunden, ohne mich all zu oft vor dem Lagerfeuer hockend wiederzufinden. Auch die  zwei Gargoyles waren nach fünf bis acht Anläufen Geschichte, so daß ich recht fix die erste Glocke läuten konnte. Es lief alles in Allem soweit ganz gut, bis ich die erste wirklich unfaire (eine von insgesamt 3) Stelle dieses Spiels kennenlernen sollte.

Dieser Boss barg ungefähr so viel Frustrationspotenzial wie alle bisherigen zusammen (und noch ein Schippchen dazu). In einem Raum, kaum größer als ein Wandschrank wird der geneigte Spieler von einem Ziegenbock mit zwei Schwertern, die an seinen ausgestreckten Armen beinahe den gesamten Querschnitt dieses mickrigen Areals ausfüllten, unmittelbar nach betreten des selben reproduzierbar an Ort und Stelle erschlagen. Wenn nicht, erledigen das die beiden Höllenhunds-Kreaturen, die sich ebenfalls dort aufhalten. Auch nach dem zwanzigsten und dreißigsten Anlauf gab es nicht den Hauch einer Chance. Auch ein Umkehren, aufleveln (massiv) und bessere Waffen brachten kaum Fortschritte.

Dann war irgendwann das Frustkonto vollends überzogen und ich gab auch dieses Spiel entnervt auf.

Das Teil wurde dann irgendwann der Konsole verbannt und ich bemühte mich, es zu vergessen. Das unrühmliche Ende eines zu unrecht gelobten Spiels (davon war ich bis dato überzeugt), schien gekommen zu sein und ich war bereit das alles zu verdrängen und mich nie wieder umzudrehen. Ich legte das Teil zu all den anderen auf den Stapel der staubigen Schande, wo alles landet, was ich nie zu Ende gespielt habe. Und dort sollte das Spiel auch bleiben.

Dachte ich.

Wäre da nicht das annähernd perfekte Kampfsystem, das die Schwächen beinahe aller anderen Games so deutlich aufzeigt, dass diese anschließend nur noch lächerlich oder gleich unspielbar (weil unsäglich einfach und primitiv) wirken (besonders Skyrim). Ein Kampfsystem, welches zeigt, wie verkrüppelt moderne Spiele sind.

Dann, vor wenigen Wochen, wollte ich Dark Souls noch einmal eine Chance geben. Und mir bei den schweren Gegnern Online Hilfe holen (was mir als überzeugtem Single-Player äußerst schwer fiel). Und nach dem ich (mit Unterstützung) dem Ziegenbock endlich seine beiden Schwerter in den Allerwertesten gerammt hatte und sich mir die Welt von DS langsam erschloss, rastete es irgendwann endlich ein.

Plötzlich lief es rund und die Frustmomente gingen auf ein Minimum zurück. Ich lernte jetzt die Stärken des Spiels kennen und zu schätzen. Da wo mir vorher der Frust die Augen verschlossen hatte, erkannte ich nun Sinn. Was sich mir dereinst als der größte Makel zeigte (Seelen als Universalwährung), ist der genialste Kniff des Spiels. Dadurch ist es überhaupt erst möglich, das Spiel so zu gestalten, wie es nunmal ist. Eine nach oben beinahe offfene Levelgrenze (weit über 700), die mich als Spieler dennoch nur in bescheidenem Rahmen übermächtig werden lässt. Auch mit Soul-Level 175 hatte ich am Ende noch Respekt vor den Bossgegnern – und vor den Programmierern dieses tollen Spiels.

Ich habe dann einen neuen Charakter (der mysteriöse Nackte) erstellt und diesen innerhalb kurzer Zeit (vielleicht ein gutes Dutzend Spielstunden) ohne nennenswerte Verluste bis in die Untiefen gebracht. Und nur ein paar Stunden darauf hatte ich auch die zweite Glocke geläutet und war auf dem Weg nach Sens Castle. Jetzt funktionierte das Spiel! Es fühlte sich immer noch knackig, aber nur noch selten unfair an.  Ich habe dann irgendwann sogar an schweren Stellen Seelen gefarmt, weil es einfach ging (und eine Menge Seelen brachte). Einige Stellen (Anor Londo) waren zwar immer noch unfassbar gemein und schwer, aber es ging stets vorwärts. Ich trat nicht mehr auf der Stelle und ehe ich mich versah, spielte ich auch schon den tollen Zusatzinhalt (Prepare to die edition). Wahnsinn! Noch schwerer als das Hauptspiel. Und dennoch habe ich hier jeden Gegner ohne Hilfe geschafft. Das hätte ich nie erwartet. Ich hätte nicht einmal gedacht, je so weit zu kommen. Nicht bei diesen Startbedingungen und in diesem Spiel. Trotzdem stand ich irgendwann vor dem Endboss. Jetzt, nachdem ich alles geschafft habe und im NG+ bin, habe ich zwar graues Haar, bin aber glücklich und um eine Erfahrung reicher, die ich um keinen Preis der Welt mehr missen wollte.

Ich habe daraufhin auch Demon’s Souls nochmal ausgepackt und innerhalb weniger Wochen durchgespielt. Es schien sogar deutlich einfacher zu sein, als Dark Souls. Vor Allem die Bosse waren schon beinahe zu leicht.

Es war, als hätte ich den Schlüssel zu einer geheimen Sprache gefunden. Alles ergab plötzlich Sinn. Wie ein Uhrwerk liefen alle Komponenten plötzlich harmonisch miteinander. Ich war nicht mehr das schwächste Glied in der Kette und die Bosse habe ich im zweiten Durchlauf (in beiden Versionen) allesamt alleine besiegt. Und das fühlte sich so unglaublich gut an. An diesem Punkt stieg das Spiel in meiner Wertschätzung wie keines zuvor. So gut wie nie habe ich ein Spiel freiwillig (außer Zelda OoT und einige wenige andere) ein zweites Mal durchgespielt. Hier hat es sogar beim zweiten Anlauf erst so richtig funktioniert. Ab diesem Punkt gibt es kein zurück mehr.

Die Souls Reihe ist nichts mehr und nichts weniger als DAS Spiel unserer Zeit. Das Spiel dieser Generation schlechthin.

Der Gegenentwurf zu all den gleichgeschalteten, lieblosen, gleichförmigen und uninspirierten Konsens-Spielen, die unsere Gaming-Landschaften so austauschbar und belanglos machen. Die Rückbesinnung auf die Stärken (nahezu perfektes Gameplay) dieser Unterhaltungsform, das seine Geschichte mittels Interaktivität vermittelt und auf aufgesetzte Cutscenes, nervige QTEs, dämliche Animations-Sequenzen in Zeitlupe und sonstige Zugeständnisse an hirntote Sesselfurzer und Eigentlich-Nicht-Spieler jeglicher Couleur verzichtet. Ein Spiel, das durch eine nahezu perfekte Steuerung und eine Besinnung auf das Wesentliche ein nahezu perfektes Erlebnis liefert, wenn man die Geduld und genug innere Ruhe aufbringt. Wenn man nicht verzagt und den ersten Frust überwinden kann. Ab diesem punkt ist es viel mehr, als nur ein Geschicklichkeitstest oder eine Fingerübung, wie es die alten Arcade-Spiele waren/sind. Ich bin schon seit den späten 70ern (Spielautomaten) Spieler und kenne jede relevante Epoche. Die Souls-Spiele sind Kleinode und bis auf ein paar wenige unfaire (Scharfschützen in Anor Londo, Ornstein & Smaugh, Carpa Demon, False King -> Level Drain) Stellen grandios.

Wer dem Werk die Chance gibt, bekommt das vielleicht beste Spiel dieser Dekade!

Und das gleich zwei Mal!

Gelobt sei die Sonne!

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Ein Gedanke zu “Souls – Ein (später) Kniefall

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