Senf-Gesellschaft… (Oder auch: Die kleine Shitstorm-Fibel)

Wir leben in der Senfgesellschaft.

Das wird mir immer deutlicher klar, je mehr ich im Netz aktiv bin. Denn dort will jeder seinen eigenen, ganz persönlichen Senf einfach dazugeben, egal, ob sich dieser geschmacklich mit dem deckt, was gerade serviert werden soll. Das bringt mich zu meiner These: Senf macht krank! Denn eine Krankheit, das sinn- und argument-freie auswerfen der unreflektierten und entgegen aller Vernunft unbedingt zum Ausdruck gebrachten eigenen Meinung in die Netzlandschaft, verbreitet sich epidemisch parallel mit dem Web 2.0 Syndrom. Diese Krankheit lässt uns zu Menschen mutieren, deren kommunikativen Befähigungen der totalen Verödung unterliegen.

Nennen wir diese Krankheit doch einfach SENF (Shitstorm Emergierendes Narren Fieber).

Überall findet man, durch von besagter Krankheit Betroffene, lieblos hingerotzte Kommentare, die schlicht auf einer unreflektierten, wissensfernen, verworrenen, einzig auf magerem Verständnis der Situation fußenden Meinung des Kommentators basieren. In Foren, Blogs, auf Kommentarfeldern, an Pinnwänden und anderen Möglichkeiten und Gelegenheiten, Feedback zu hinterlassen oder auf irgendeine Art zu interagieren. Die Senf-Kranken geben dabei ihren, gerne auch von den Symptomen Empörung oder Wut begleiteten, undifferenzierten Kommentar ab und halten die Angelegenheit damit für erledigt. Die einzigen, bei allen Erkrankten immer wieder auftauchenden Kriterien, welchen aber die gesamte „Argumentationsstruktur“ zu unterliegen scheint, sind die Bewertungsrelevanten Aussagen „mag ich“ und „mag ich nicht“. Die Betroffenen argumentieren ansonsten nicht, viele gehen nicht mal bei gut ausgeführten, nachvollziehbaren Gegenargumenten weiter auf die Reaktionen Anderer auf ihren abgegebenen Sermon ein, oder beharren einfach weiter auf ihren „Standpunkten“, welche oftmals jeder Grundlage zu entbehren scheinen. Unbelehrbarkeit und Ignoranz dürften somit auch die am weitesten verbreiteten Symptome dieser Krankheit sein.

Nun ist es an mir, Aufklärungsarbeit zu leisten um anschließend mein Allheilmittel zu versilbern:

So geht das nicht, liebe Freunde. Einfach die Wurst hinscheißen und gut, so funktioniert das einfach nicht. Da muss man sich nicht wundern, wenn andere bei genauerer Auswertung des Haufens durch Kackwurstanalysen zu dem Ergebnis kommen, man sei im Kopf vielleicht nicht ganz gesund, durch Dummheit nicht befähigt oder aufgrund nicht vorhandener, Intellekt basierter Fähigkeiten, nicht in der Lage, die Situation zu verstehen. Das wäre zwar höchst unwissenschaftlich und die angewandten Mittel kämen nicht aus der Welt der Psychoanalyse sondern der rundumschlagenden Polemik, jedoch entspräche es voll und ganz den Regeln der Senfgesellschaft, zu der wir gerade metastasieren, die ja besagen, dass man seine Argumente aus der Quersumme der einzelnen Anteile Ego, Bauchgefühl und Jucken im Arsch herleitet.
In einer „Kommunikationsgesellschaft“, wie wir uns auch gerne schimpfen, die „Information“ als höchstes Gut preist verhält sich dieses Verhalten meiner bescheidenen Meinung nach diametral zu unseren Ansprüchen. Mir ist ein Rätsel, wie sich eine Gesellschaft einerseits Kommunikation und Information auf die Fahnen schreiben kann und dann Individuen hervorbringt, die nicht ansatzweise in der Lage sind, auch nur die einfachsten Gesetze der Kommunikation zu beherrschen. Geschweige denn ihre, insbesondere das schriftliche betreffenden Regeln auch nur soweit zu meistern, dass man keine Schriftgelehrten braucht, um die Hieroglyphen zu entziffern (ein weiteres Symptom von SENF).

Kommen also wir zum Punkt (es sind derer 3) Es gibt alte Natur-Heilmittel, die bereits seit langem bekannt sind, welche aber leider selten zur Anwendung kommen:

1. Heilmittel: Erst denken, dann Posten!

Äquivalent: Aderlass. Schmerzt kaum und ist leicht zu handhaben.

Eine wahre Wundermedizin gegen SENF, von führenden Netz-Schamanen empfohlen.

2. Heilmittel: Beherrschen der Rechtschreibung!

Äquivalent: Schädelbohrung. Ist kompliziert, tut weh, verspricht aber große Heilung.

Das rüstet selbst geschwächte Organismen halbwegs gut vor der Krankheit. SENF gilt bereits als weniger ansteckend, wenn das in der Schule verlangte Minimum annähernd beherrscht wird. Adäquate Rechtschreibung wirkt offensichtlich wie Penicillin auf erkrankte Interaktionsmuster und wird deshalb dringend empfohlen!

3. Heilmittel: (Und ein bekanntes Zitat von einem ebenso bekannten deutschen Entertainer):

Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!

Äquivalent: Schlangen-Öl. Hilft quasi immer.

Ja, das ist sicherlich die bitterste Medizin von allen, aber wahrscheinlich auch die effektivste.

 

 

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