Auditive Totgeburten und der falsch interpretierte Begriff der Toleranz…

Oft und gerne wird einem ja Voreingenommenheit unterstellt, wenn man mutig Stellung bezieht und wahrlich beschissene Musik eben als solche bezeichnet. Dann fällt auch allzu oft die Floskel von der (einem angeblich fehlenden) Toleranz und dass man sich einfach nicht genug mit dem Objekt seines persönlichen Hasses auseinandergesetzt habe.

Genau da muss ich dann widersprechen. Und zwar nicht, weil es auch mal hin und wieder in den Genres, die man persönlich pauschal ablehnt, das eine oder andere Stück schafft, nicht komplett unerträglich zu sein, sondern gerade deshalb weil es eben nur hin und wieder passiert. „Ausnahmen bestätigen die Regel“ phrasiert diesen Umstand treffend und hat sich in Zweifelsfall noch immer bewährt.

Es hilft mir wenig, mich intensiv mit einer Musikrichtung zu befassen, gegen die ich mich bewusst entschieden habe.

Wenn ich z.B. Schlager ablehne, weil ich in meiner Kindheit und frühen Jugend damit im Elternhaus ständig zwangs-penetriert worden bin, so dass mir Dieter Thomas Heck mit Hufen und Hörnern in meinen Alpträumen erschien, um mich mit der Armee der musikalischen Finsternis (ZDF-Schlager-Zombies) durch die Nacht zu jagen.

Wenn während der Umschulung das einzige Radio mit dem einzigen Sender drei lange Jahre lang acht Stunden täglich ausschließlich Zwangs-Befriedung für Dorfdeppen und Leute mit galoppierender Vokuhila dudelte, die mich mit Fackeln und Mistgabeln durch die Pfade der Hölle trieb, bis mir das Blut aus den Ohren lief.

Wenn ich einen „Sommerhit“ mit pelzigem Belag auf der Zunge assoziieren kann, oder bereits bei der Nennung eines bestimmten Namens innerlich zusammenzucke, oder instinktiv die Hände auf die Ohren schlage, dann liegt das daran, dass ich das akustische Tal des Todes bereits mehrmals durchwandert habe. Die kakophonische Ewigkeit hat tiefe Narben auf meinen Trommelfellen hinterlassen, die, einem Suchtgedächtnis ähnlich, schon bei kürzestem Kontakt mit der Materie, die Hölle wieder so real werden lassen, das sich selbst ein Tinnitus wie die Erlösung anfühlen muss.

Ja, ich habe die musikalische Hölle gesehen, …äh, gehört.

Und sie ist nicht wie ein Ort, sondern eher so wie die 18 Kammern der Shaolin, wo ein mutiger Hörer sich schweren akustischen Prüfungen zu unterziehen hat, die nicht nur seinen Ohren, sondern ebenso seinem Verstand und Glauben quasi alles abverlangen. Allerdings mit deutlich mehr Kammern, die eher an ineinander verschachtelte Kreise erinnern. Das sind die Kreise der Hölle.

In jedem Kreis zeigt Satan ein anderes, furchtbares Antlitz, denn er hat 1000 Gesichter. Und ähnlich einer Hydra konnte man keine seiner Fratzen töten. Stattdessen führte jeder Versuch, einen der Köpfe abzuschlagen, um den endlosen Qualen des auditiven Fegefeuers zu entkommen, zu zwei neuen aufkeimenden Arschgesichtern auf Luzifers krampf-adriger Hals-Molluske.

Im 7. Kreis hatte der Antichrist ein fürchterliches, dämonisches, grotesk lachfaltiges Grinsen, wie aus Stein. Sein Name war Dieter und er hatte eine seiner Klauen im Arsch einer Porzellanpuppe namens Thomas stecken, die er nach Belieben sinistre Laute der Qual ausspucken ließ. Dabei stieß er selber spitze Schreie im Ultraschall Bereich aus, um die Dissonanz zu erhöhen, so dass mir das Blut in den Adern gerann, was mich dann zum Glück auch erlöste.

In einem anderen, niederen Kreis warteten verzerrt lachende Gestalten, die ständig betonen mussten, dass sie sich freuten und wie toll doch alles sei. Dass alles eine „große Gaudi“ sei und das Leben „so schön“. Ebenso redeten sie von der „Musi“ und lachten über dümmliche Witze, die bereits zu Zeiten des Kaisers schon nicht mehr aktuell waren. Danach besangen sie all das, was sie vorher lachend verkündet hatten und vergewaltigten dabei fröhlich grinsend unschuldige Musikinstrumente aufs grausamste, indem sie immer und immer wieder die gleiche einfache Melodie kaum hörbar variierten. Das waren die Volksmutanten.

Es gab einen Kreis, in dem sich die Leute aus mir nicht bekannten Gründen die Hosen nicht richtig hochziehen konnten. Dadurch haben sich ganz offensichtlich die Nieren verkühlt und sich so Schüttelfrost zugezogen, was wohl dazu führte, dass sie anfingen zu stammeln und zu haspeln. Und im Fieberwahn ist ihnen dann die Macht über ihr Sprachzentrum vollends entglitten, was ganz unsägliche Reime hervorbrachte und sich wie eine Kriegserklärung an ihre Muttersprache anhörte. Schrecklich. Ich musste bitterlich weinen, als ich das gehört habe.

In einem Kreis der Hölle gab es tatsächlich nur einen einzigen Beat für sämtliche Songs. Dort war man so stolz auf diesen, dass man die Qualität des gesamten Genres auf die sogenannten BPM reduziert hatte und je häufiger es „Bumm“ machte, desto besser fanden sie das. Das war wohl die musikalische Gegenhölle zur Michael-Bay-Filmhölle, wo die Qualität ebenfalls in Krach und Bumms gemessen wird.

In einem weiteren Kreis wackelten sie ohne Unterlass mit dem Arsch auf und ab und wollten ihre sexuellen Präferenzen genau beschreiben. Dadurch konnten sie sich offensichtlich nicht mehr auf ihre Musik konzentrieren was diese wiederum vollkommen austauschbar und fürchterlich öde und einseitig machte. Das war der Hauptkreis der Hölle, wo der 0815-Sünder schmort, ohne wirklich zu realisieren, dass er schon lange in der Hölle ist.

Im ersten Kreis der Hölle aber saß einer, der nur einen einzigen Song singen konnte. Der handelte von Ackerbau, oder von Getreide, oder auch vom Schlafengehen (ein Bett wird ebenfalls erwähnt), ich weiß es nicht mehr so genau, weil ich zum eigenen Schutz instinktiv die Ohren während seines Vortrages zugehalten hatte. Das hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet. Ob ich nie auf Malle war, hat mich der Typ gefragt, dort sei er der König. Anschließend berichtete er mir, sein Arsch sei geliftet und er wolle meine Meinung dazu hören. Da bekam ich das erste Mal in meinem Leben so richtig Angst, also rannte ich los, so schnell ich konnte und hörte erst auf zu rennen, als ich die Hölle hinter mir gelassen hatte.

Und so bin ich aus der Hölle entkommen. Ich habe mir dann geschworen, einen weiten Bogen um alles zu machen, was ich „da unten“ erfahren habe.
Und deshalb ist die Aversion gegen bestimmte musikalische Verbrechen ein rein körperlicher Abstoßungsvorgang und somit eine biologische Abwehrreaktion meines bereits krankhaft entzündeten, akustischen Gewebes, zum Schutz des eigenen musikalischen Universums. Ein antikakophonischer Schutzwall gegen so Sachen wie auditive Karzinome oder die Klang-Pocken.

Ergo mag ich es nicht, dass man ständig dieses Gequatsche von der Toleranz hinnehmen muss, wenn man offen gegen Satans atonale Sinfonie des Grauens Stellung bezieht, die sich, als Musik getarnt, unter die reinen Seelen gemischt hat, um den baldigen Untergang des guten Geschmacks herbeizuführen. Man sollte dem Teufel auch mal sein Lieblings-Pferd stehlen dürfen, ohne gleich vom tobenden Mob der Gerechten am nächsten Baum gehängt zu werden. Nicht alles ist subjektiv und Qualität unterliegt eben auch Kriterien jenseits von Gefühlsduselei und individuellen Ansichten. Es ist nicht ausschließlich eine Geschmacksfrage, was gut ist und was schlecht. Handwerkliches Können spielt da eine ebenso große Rolle, wie der Teil, der sich einer objektiven Betrachtung entzieht und am Ende lässt sich durchaus eine tendenzielle Qualität feststellen, oder eben nicht.

Wenn die Menschen nicht immer gleich beleidigt wären, weil manche Leute ihre „Lieblingsmusik“ als weniger wertig einschätzen, sondern es einfach als Tatsache akzeptieren würden, dass es qualitative Unterschiede gibt, wie in allen anderen Bereichen des Lebens auch, wäre doch schon alles geklärt.

Das musste einfach mal in Worte gefasst werden.

Man denke sich einfach einen herzhaft-humoresken Tonfall dazu. So als würde der Text feixend von einem Spaßmeister eurer Wahl vorgetragen.

 

 

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